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Dr. Ulf Kämpfer sagt: Digitalisierung #gehtmichan

Im letzten Teil unserer #gehtmichan Kampagne waren wir im Kieler Rathaus zu Gast. Dr. Ulf Kämpfer, Oberbürgermeister der Stadt Kiel und ‚Vater‘ der #diwokiel, hat uns Rede und Antwort zum Thema Digitalisierung gestanden.

Guten Tag Herr Kämpfer, es freut uns sehr, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben. Ihr Standpunkt als Schirmherr und Initiator der Digitalen Woche Kiel ist ja bereits bekannt, deshalb würde uns heute interessieren, wie Sie eigentlich als Bürger und Privatperson zur Digitalisierung stehen. Unsere erste Frage lautet: Welche Rolle spielen die digitalen Medien im Privatleben bei Ihnen zu Hause?

Im Alltag eine ganz schön große Rolle. Früher war ich immer stolz darauf, wenn ich sagen konnte, dass wir keinen Fernseher zuhause haben. Das ist immer noch so, allerdings kann man heute daraus nicht mehr den Rückschluss ziehen, dass wir weniger Medien konsumieren. Das läuft mittlerweile alles über den Laptop. Im letzten Jahr habe ich einen Beamer und eine Leinwand gekauft, jetzt haben wir ein kleines Heimkino. Aber wenn wir was schauen, läuft das alles über die Mediatheken der öffentlichen Sender, über Netflix oder iTunes. Da sind wir ganz ‚normal‘. Für Musik nutze ich immer häufiger iTunes, CDs kaufe ich auch kaum noch. Ich glaube, damit sind wir zuhause ganz Mainstream, wie viele andere auch. Aber das alles hat natürlich merklich den Alltag verändert. Wenn wir einen Urlaub buchen oder etwas recherchieren oder Auto fahren, dann ist das heute alles mit irgendeiner Form der Digitalisierung verbunden. Den Einfluss merkt man erst dann, wenn man sich bewusst macht, an wie vielen Punkten die Digitalisierung mittlerweile Einzug gehalten hat.

In einem Interview haben Sie mal sinngemäß gesagt: Der Grund, weshalb Sie keinen Fernseher haben, sei nicht, dass Sie das Medium nicht konsumieren möchten, sondern dass die Effizienz dabei eine Rolle spiele. Das ist die eine Seite. Die andere Seite sind Algorithmen, die Daten sammeln. In Ihrem Job haben Sie mit Datenschutz und Datenverwaltung zu tun. Wie ist Ihre Haltung und Ihre Meinung zu diesen Themenfeldern als Privatperson?

Oberbürgermeister

Unser Social Media Team in etwas größerer Besetzung zu Gast im Amtszimmer des Oberbürgermeisters

Als Privatperson bin ich völlig naiv und kritiklos (lacht). Bei AGBs klicke ich immer sofort auf ‚Akzeptieren‘ und weiter. Mein Virenprogramm habe ich seit dem Kauf meines Laptops nicht mehr aktualisiert. Vielleicht schaut mir auch schon jemand über die Kamera vom Laptop beim Frühstücken zu. Es haben auch schon Menschen Bestellungen auf meinen Namen getätigt und ich habe dann die Mahnbescheide bekommen. Das passiert. Aber meine Privatsphäre hat noch niemand verletzt. Trotzdem bin ich da eigentlich zu naiv. Naiver als ich es mir als Politiker von den Bürgerinnen und Bürgern wünsche.

Sehen Sie denn die Digitalisierung aus privater Sicht eher als Chance oder als Gefahr?

Grundsätzlich finde ich Digitalisierung super, weil es vieles einfacher und bequemer macht. Das fängt damit an, dass ich meine Serien dann sehen kann, wenn ich abends nach Hause komme und mich nicht ärgern muss, weil ich sie verpasst habe. Aber ich muss auch für mich feststellen, dass ich leicht ablenkbar bin, alleine schon durch mein Smartphone. Man muss aufpassen, dass man sorgsam mit seiner Zeit umgeht. Man wird ja auch kirre, wenn man zu unreflektiert wird und zu viele Medien gleichzeitig nutzt – Genau dafür bin ich leider recht anfällig.

Sie sagten eben, dass Sie in Hinblick auf digitale Medien ein ganz ‚normaler‘ Haushalt seien. Wie reflektieren Sie denn die Veränderungen, die seit der Zeit stattgefunden haben, in der Sie selbst aufgewachsen sind?

Als ich aufgewachsen bin, hatten wir ein graues Telefon mit Wählscheibe und haben uns die Telefonleitung mit unseren Nachbarn geteilt. Wenn die dann telefoniert haben, war bei uns die Leitung tot. Wir hatten noch das Testbild im Fernsehen. Es war einfach ein ganz anderer Alltag. Ich denke da manchmal schon über die Art und Weise nach, wie ich heute mit Freunden in Kontakt bleiben kann, wie ich mich informiere oder dass ich mir bei YouTube die Hits meiner Jugend anhören kann, ohne Geld ausgeben zu müssen. Das ist schon krass. Weil das aber alles so kontinuierlich passiert ist, nimmt man es gar nicht mehr so wahr. Auch glaube ich nicht, dass der Grad der Veränderung von heute zu meiner Jugend größer ist, als der von mir zu meinen Eltern. Auch ohne die Digitalisierung ändert sich die Gesellschaft, von den gesellschaftlichen Normen bis hin zum alltäglichen Leben.

Aber die digitale Transformation als größter Paradigmenwechsel der letzten 100 Jahre muss doch merkliche Spuren hinterlassen haben. Wie Sie bereits kurz angesprochen haben, ist es leichter, mit Menschen in Kontakt zu bleiben. Hat man dadurch nicht auch mehr Verpflichtungen? Stehen Qualität und Quantität in einem ganz anderen Verhältnis?

Ich glaube nicht, dass ich dadurch mehr enge Freunde habe. Aber es gibt gute Freunde, mit denen ich zum Beispiel in Irland studiert habe, von denen ich ohne Soziale Medien nicht wüsste, wo sie abgeblieben wären. Heute finde ich sie, wenn ich suche und weiß auch ungefähr, was in den letzten Jahren bei ihnen passiert ist. Das ist schon echt toll. Die Digitale Transformation – wir sind ja mittendrin – hat unseren Alltag auch qualitativ verändert, aber ich glaube, die größten Umwälzungen stehen uns noch bevor. Betrachtet man das Aufkommen der Elektrizität, dann sieht man, dass es zwar etwas ganz Neues war, aber die richtigen Umwälzungen erst 30 oder 40 Jahre später kamen. Wer sagt, dass es bei der Digitalisierung anders sein wird? Es dauert seine Zeit, bis die neuen Möglichkeiten einer Technologie überhaupt begriffen und umgesetzt werden. Wenn man sieht, wie Verwaltung und Unternehmen heute arbeiten, bin ich sicher, dass die meisten Veränderungen noch kommen. In welchem Tempo und wie genau, weiß man natürlich nicht. Heute haben wir noch eine Holstenstraße als klassische Einkaufsstraße. Gut, da haben wir etwas mehr Leerstand als früher, sicherlich auch wegen Amazon und dem Internet im Allgemeinen. Aber im Großen und Ganzen ist die Idee noch die gleiche. Da bin ich nicht mehr so sicher, ob das in 20 oder 30 Jahren noch der Fall sein wird. Das gleiche gilt für die Mobilität. Wir haben Elektromobilität, Smartphones und eine Breitbandmöglichkeit, mit der man den Verkehr steuern kann. Aber erst wenn alles miteinander kooperiert, kann sich die Mobilität richtig wandeln. Heute fahren wir noch alle mit den gleichen Dieselverbrennungsmotoren wie vor 50 Jahren. Da wird sich vieles ändern. Technologie und Software, sei es dann Uber oder die neuen Sammeltaxen oder eine andere Form der Mobilität. Da bin ich sicher, dass wir uns in 30 Jahren gegenseitig angucken und fragen: Was sollte das eigentlich, dass wir alle mit lauten, eigenen Autos durch die Gegend gefahren sind?

Wenn man ‚Digitalisierung’ als Wort nimmt, dann kann man ja gewisse Parallelen zu dem Wort ‚Globalisierung’ ziehen. Wie kann man es schaffen, diese Worthülsen so zu füllen, dass sie nicht nur als etwas Diffuses, das Angst macht, sondern als etwas ganz konkret Greifbares wahrgenommen werden?

Die Digitalisierung ist heute schon extrem konkret. Ich weiß genau, was ich mit meinem Smartphone machen kann und der Nutzen ist unmittelbar erlebbar. Ich glaube, dieses Diffuse oder Skeptische hat zwei Ebenen: Zum einen wissen wir noch nicht genau, was eigentlich noch kommt. Was ist mit künstlicher Intelligenz? Fällt mein Arbeitsplatz vielleicht weg? Wir wissen nicht, was sich ändert und inwieweit es uns existenziell betreffen wird. Deswegen ist es schwer einzuschätzen, ob es für mich als Individuum mehr Chancen oder mehr Risiken gibt. Das andere Thema ist die Überwachung und der Datenmissbrauch. Da gibt es unheimlich viele Möglichkeiten. Es gibt gute Staaten und schlechte Staaten, gute und schlechte Unternehmen, und sie alle besitzen Daten von uns. Und in Zukunft werden sie immer mehr von uns besitzen. Wir wissen nicht, was sie damit eigentlich machen und was es für eine Unfreiheit, Überwachung und Kontrolle mit sich bringen kann. Ich denke, das verunsichert viele. Wenn ich sehe, wie in China dieses Sozialpunktsystem entwickelt wird und dass es vielen Menschen gefällt, dann frage ich mich schon, was das am Ende für die Gesellschaftsordnung und die demokratischen Systeme bedeutet. Es geht nicht nur um die Möglichkeit, online zu wählen, sondern auch um die Art der politischen Auseinandersetzung. Diese verändert sich zusehends und besonders online ist es eine ganz andere, aus meiner Sicht häufig viel schlechtere und demokratieschädlichere.

Um noch mal auf Sie als Privatperson zurückzukommen: Wie gehen Sie damit um, dass Ihr Sohn als Digital Native mit den ganzen digitalen Medien aufwächst? Versuchen Sie, ihn irgendwie darauf vorzubereiten?

Oberbürgermeister

Dr. Ulf Kämpfer – heute steht er bei uns nicht als OB, sondern als Privatperson im Fokus

Klar. Das Schöne ist, dass mein Sohn viel weniger ablenkbar und viel konsequenter ist als meine Frau und ich. Wenn er eine Stunde Computer spielen darf, dann spielt er eine Stunde Computer und da muss ich mich gar nicht weiter drum kümmern. Er kann sich viel besser disziplinieren, als ich es etwa früher beim Fernsehen konnte. Insofern sind die Herausforderungen meiner Ansicht nach gar nicht so viel anders als vor 30 Jahren. Damals waren es nur andere Medien, die exzessiv genutzt wurden. Aber man muss sich immer gewahr sein, dass es eine individuelle Frage ist. Einige Kinder und auch Erwachsene können damit viel leichter umgehen. Für andere besteht die Gefahr online zu versacken oder süchtig zu werden. Deshalb ist es natürlich eine Erziehungsaufgabe, sowohl von Eltern als auch von Schulen oder Medienpädagog*innen, da einen guten Umgang zu finden. Die einen sagen, dass wir viel weniger Intensivtäter*innen haben, weil die jetzt alle vor den Computern sitzen und zocken. Auf der anderen Seite kann man die Zeit vorm PC als etwas Negatives auslegen. Wie bei jeder neuen Technologie gibt es Schatten, aber eben auch Licht. Es ist die Last der Freiheit, privat und als Gesellschaft einen vernünftigen Umgang zu finden. Das ist bei der Digitalisierung nicht anders, nur die Wucht der Veränderungen ist möglicherweise eine andere. Als Kind war ich entweder auf dem Fußballplatz oder habe Buden gebaut. Meinen Sohn nach draußen zu bewegen, ist schon wesentlich schwieriger. Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich nicht, aber es ist jedenfalls anders. Und damit müssen wir reflexiv und vernünftig umgehen. Das heißt aber nicht, dass ich als Vater immer eine gute Antwort darauf habe, nur weil ich weiß, dass es wichtig ist. Da versuchen wir doch alle einen guten Weg zu finden.

Stoßen Sie da vielleicht auch an Ihre Grenzen, wenn Sie idealisieren, wie Sie früher aufgewachsen sind?

Die Gefahr besteht immer, dass die Kinder entweder werden sollen wie man selbst oder die Sachen nachholen sollen, die man verpasst hat. Im Prinzip war meine Aufzählung gerade auch unvollständig bzw. nicht ganz ehrlich. Die dritte Sache war, dass ich vor dem Fernseher gehangen habe, ganz besonders im Winter. Ich habe zu viel ferngesehen in meiner Jugend. Heute denke ich einerseits, dass es doof war, aber andererseits war es auch nicht so schlimm. Deswegen habe ich noch einen guten Ruhepuls, wenn ich daran denke, was mein Sohn alles macht. Das rückt sich alles irgendwie zurecht. Bei uns hat es das jedenfalls. Aber es gibt noch vieles andere, ich muss da an das Darknet oder Pornografie denken. Es gibt viele Versuchungen, bei denen es nicht darum geht, Zeit zu verplempern, sondern dass es Dinge sind, bei denen eine Kinderseele Schaden nehmen kann. Und so etwas ist heute nur noch zwei Klicks entfernt. Das ist schon eine ganz andere Form von Gefährdung als in meiner Jugend.

Haben Sie Rituale oder Traditionen in Ihrer Familie, bei denen es bewusst mal eine Stunde analog oder ohne Handy gehen muss?

Bei gemeinsamen Mahlzeiten auf jeden Fall. Aber ich schaue auch gerne mit meinem Sohn zusammen eine gute Serie. Davon gibt es heute ja einige und das ist auch eine Form der Welterfahrung, gerade für einen Zwölfjährigen. Wenn man als Erwachsener dann dabei ist, kann man auch darüber reden und das ganze reflektieren. Das hat auch seinen Eigenwert. Wir spielen aber auch viel Skat in unserer kleinen Familie. Es ist immer wichtig, dass man die Sachen gut mixt, aber diese Aufgabe stellt sich völlig unabhängig von der Digitalisierung.

Glauben Sie, dass Ihre Wahrnehmung der Digitalisierung eine andere wäre, wenn Sie nicht Oberbürgermeister wären?

Ich glaube grundsätzlich, dass es für jemanden, der eine Verantwortung trägt wie ich oder überhaupt politisch gestaltet, sehr wichtig ist, ein Leben zu führen, in dem man möglichst normale und vielfältige Erfahrungen macht. So behält man den Bezug zur Alltagsrealität in der Stadt, in der man die Verantwortung trägt. Das gelingt Politikern mal besser und mal schlechter. Es gibt schon eine Form von ‚Politiker-Autismus‘ oder Entrücktheit vom Leben anderer Leute. Deshalb versuche ich, ein möglichst unaufgeregtes Leben zu führen. In gewisser Weise muss es natürlich strikt getrennt sein, damit man überhaupt noch ein Privatleben hat, aber es gibt auch Wechselbezüge. Es hilft dabei, ein guter Oberbürgermeister zu sein, wenn ich auch als Privatmensch aus eigener Erfahrung weiß, was es bedeutet, in dieser Stadt zu leben – im Guten wie im Schlechten. Man kann eine ganze Menge lernen, wenn man selber als Bürger mit Bürokratie und Unzulänglichkeiten zu tun hat.

Herzlichen Dank für Ihre heute mal ganz privaten Gedanken zur Digitalisierung und weiterhin viel Erfolg und Gelingen bei all Ihren Vorhaben.