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Erik Heil sagt: Digitalisierung #gehtmichan

Im Rahmen des dritten Interviews unserer #gehtmichan-Kampagne waren wir bei Erik Heil zu Gast. Erik ist Segler in der 49er-Klasse und hat, neben zahlreichen weiteren Erfolgen, die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio gewonnen. Momentan ist er mit seinem Partner Thomas Plößel bei den Hempel Sailing World Championship in Aarhus unterwegs und hat sich trotz seines engen Terminplans im Vorfeld dieses wichtigen Wettbewerbs Zeit für das Social Media Team der Digitalen Woche Kiel genommen:

Moin Erik und schon mal besten Dank für deine Zeit. Wir legen direkt los: Wie bist du zum Segeln gekommen?

Ich bin in Berlin geboren und hab auch in Berlin schon angefangen zu segeln. Ich bin quasi im Segelverein groß geworden.

Wie alt bist du jetzt?

Ich bin jetzt 28. Ganz am Anfang, mit 5 oder 6 Jahren, habe ich noch nicht so viel gesegelt: Erst habe ich Tennis gespielt, insgesamt acht Jahre lang und dann in meiner Jugend schließlich intensiver mit dem Segeln angefangen.

Aber du kannst jetzt schon auf jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken, das lässt sich so sagen?!

Genau! 2000 habe ich ’so richtig‘ angefangen, zu segeln und auch schon mit demselben Segelpartner, mit dem ich immer noch am Start bin. Wir sind jetzt 18 Jahre Seite an Seite und haben damals direkt auf einem Zwei-Mann-Boot begonnen.

Das ist das ‚HP Sailing‘, in dessen Rahmen du segelst? Kannst du das ganz kurz erklären?

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Unser Social Media Team beim Interview mit Erik Heil in Kiel-Schilksee

‚HP‘ sind einfach unsere Nachnamen oder ‚High Performance‘, kannst du nehmen, was du willst. Thomas kommt auch aus Berlin und ist da groß geworden, sogar mit mir im selben Club. Ich finde immer, wenn du anfängst mit einem Sport, bist du eigentlich geprägt durch die Gruppe, die um dich herum ist und wir hatten einfach Glück: Wir hatten eine richtig geile Truppe, deswegen sind wir bei dem Sport geblieben.

Inwieweit kannst du denn nachvollziehen, dass Segeln jetzt in den letzten Jahrzehnten, durch digitale Hilfsmittel, erstmal egal durch was, beeinflusst wurde? Es ist ja ein traditionsreicher Sport, in dem viel auf traditionelle Dinge geachtet wird. Wie passt so etwas mit digitaler Technik zusammen? Wie haben diese das Segeln verändert? Erzähl mal ein bisschen.

Bei uns ist natürlich immer ein Kompass auf dem Boot, das heißt wir richten unsere Strategie immer nach den Veränderungen der Zahlen, die wir auf dem Kompass sehen. Dieser war vorher analog und ist mit der Zeit digital geworden. Dadurch ist der natürlich deutlich genauer geworden, ein klassischer Kompass schwingt immer noch nach. Da haben sich so viele Sachen verändert, alleine die Boote. Wir haben früher mit Dacron gesegelt, jetzt haben wir Kevlar und ganz andere Möglichkeiten unsere Boote zu trimmen. Beides sind Materialien, die für die Stabilität unserer Segel fundamental wichtig sind: Kevlar ist Dacron von den Eigenschaften her um ein Vielfaches voraus.

Und warum habt ihr diese anderen Möglichkeiten, woran liegt das?

Ich glaube, da gibt es einfach viel mehr Optionen zur Berechnung von perfekten Bootshapes, also der Formen: Unser Boot wurde 1996 schon entwickelt, aber es ist seitdem stetig verbessert worden. Die Berechnungen für die Profile sind immer weiter vorangeschritten. Dieses Boot sah früher noch ganz anders aus.

Spielt die Digitalisierung denn eine Rolle bei solchen Entwicklungen, bei denen es scheinbar immer um ein möglichst stabiles und gleichzeitig flexibles Material geht?

Ich denke schon. Ohne die Rechenprogramme, die sich in den letzten Jahren deutlich verbessert haben, wäre das nicht möglich. Aber die Digitalisierung berührt neben den Materialien noch andere interessante Aspekte des Sports: So wurde die Übertragung für Zuschauer*innen wesentlich verbessert, das ist sehr spannend. Es gibt mittlerweile Tracking, also dass man einen Tracker auf dem Boot hat und die Zuschauer*innen die Standorte von den Booten sehen bzw. wie diese sich verschieben. Das ist dann sehr genau, auf einen Meter oder noch weniger. So kann man an Land die Übertragung sehen und diesen Sport überhaupt richtig wahrnehmen. Sonst hatte man als Zuschauer*in ja nie die Möglichkeit zu sehen, was da auf dem Wasser passiert. Und selbst wenn wie bis vor ein paar Jahren noch klassisch analog übertragen wurde, war es schwer, dem Geschehen zu folgen. In diesem Zusammenhang schreitet die Kieler Woche in den letzten Jahren auf Weltklasseniveau voran und setzt neue Maßstäbe.

Magst du das ein wenig erläutern?

In Kooperation mit Audi Sailing wurden die Übertragungen stetig verbessert, damit auch ‚segelfremde‘ Zuschauer Spaß haben und das jeweilige Event hautnah miterleben: Wir haben seit ein paar Jahren z.B. Live-Cams auf dem Boot. Man kann also zur allgemeinen Übertragung des Feldes parallel ins Boot schalten, das gibt es nicht so oft auf der Welt. Kiel nimmt hier schon eine besondere Rolle ein, was derlei digitale Übertragungsmöglichkeiten angeht.

Roman Hagara hat in einem Interview mit einer österreichischen Zeitung gesagt, dass die Digitalisierung den Menschen den Segelsport näherbringe. Würdest du diese These unterschreiben?

Roman bezieht sich dabei auf die Emmy-prämierte Übertragung des America’s Cup 2013. Da war ich witzigerweise auch vor Ort. Als ich zurückgeflogen bin, weil ich zur WM in Marseille musste, habe ich zum ersten Mal eine Segelübertragung via App gesehen: Alle um mich herum haben an ihren Smartphones gehangen. Auf einmal war die ganze Segelgemeinschaft und auch ein paar Leute, die eigentlich gar nicht segelaffin waren, am Handy. Ich glaube, weil sie durch diese App eine Möglichkeit hatten, dem Wettkampf zu folgen und das gab es eben vorher nicht. Insofern stimme ich dieser These zu, ja.

Weg von den Zuschauer*innen, hin zu den Athlet*innen: Inwieweit nutzen diese digitale Hilfsmittel, die jetzt nicht direkt auf dem Boot zu finden sind?

Stell dir vor, du hast demnächst einen Wettkampf und möchtest ein paar Wochen vorher herausfinden, wie das Revier dort beschaffen ist. Dann gibt es natürlich die Daten, die du über eine gängige App wie beispielsweise ‚Windfinder‘ ziehen kannst. Oder du hast eben einen Meteorologen, der alle relevanten Daten mit einem bestimmten Programm aufarbeitet, analysiert und dir zuspielt. Das war glücklicherweise bei den Olympischen Spielen in Rio so: Egal zu welcher Zeit hatten wir immer alle News zur Wetter- und Strömungsentwicklung, und das sozusagen aus ‚erster Hand‘.

Auch in Echtzeit?

So gut wie in Echtzeit. Unser Mann in Kiel – Meeno Schrader, das war unser Meteorologe bei den Olympischen Spielen 2016, hatte vier Leute in Deutschland sitzen. Die haben dann hier in Kiel an dem ganzen Wettersystem gearbeitet und uns die Daten dann unmittelbar nach Südamerika gespielt. Und das ist schon ein klarer Vorteil, wenn du raus gehst und mehr als die anderen weißt. Vielleicht haben sie ähnliche Daten, vielleicht haben wir bessere Daten und das macht dann schon einen Unterschied.

Lass uns thematisch abschließend nochmal ‚runter vom Boot‘ gehen: Hast du was vom Thema E-Sailing mitbekommen?

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Erik Heil beim Gespräch in der altehrwürdigen Bootshalle-Nord

Bisher noch nicht so viel, außer dass wir früher ab und an mal ‚Virtual Skipper‘ gespielt haben.

Meinst du, derlei Spiele öffnen den Segelsport noch mehr?

Klar, ich denke schon. Also beispielsweise hat ‚Tony Hawk Skateboarding‘ mir auch den Skateboard Sport ein bisschen nähergebracht, obwohl ich sonst nie was dafür übrig hatte. Oder die ganzen Snowboard Spiele, die haben mich auch immer ein bisschen Richtung Snowboarden gezogen. Also ich schätze, kann das schon eine Wirkung haben.

Habt ihr beim Training irgendwelche digitalen Hilfsmittel am Start? Macht ihr irgendwas in der virtuellen Realität?

Wir machen regelmäßige Videoanalysen. Da haben wir keine 3D-Brille oder so auf, aber ein paar Bildschirme in der Hütte, auf denen wir uns dann die Videos immer anschauen. Bei uns geht es viel um die Mastbiegung und die Profile, wie die Segel gebogen sind. Da gibt es Software, die man anlegen kann um rauszufinden, wo der tiefste Punkt im Segel ist, solche Details. Das machen wir viel für bzw. mit Bildern und Videos. Aber wir bereiten uns nicht ausschließlich damit vor, wir wählen eher Material damit aus. Denn irgendwann muss man das ganze Zeug wieder weglegen, damit man sich auf das Kerngeschäft konzentriert.

‚Kerngeschäft‘ meint das physische Segeln, also den Sport an sich?!

Ja.

Erik, vielen Dank für deine Zeit und die sehr interessanten Einblicke. Und natürlich jederzeit viel Erfolg mit ‚HP Sailing‘.