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Finn Aedtner sagt: Digitalisierung #gehtmichan

Für unsere #gehtmichan Kampagne sind wir bei den unterschiedlichsten Menschen zu Gast und kommen so auch an Orte, die man im ersten Moment nicht unbedingt mit Digitalisierung verbindet. Für das vierte Interview treffen wir Finn Aedtner. Der als „Finnster“ bekannte Tätowierer und Seebär-Azubi hat das Social Media Team der Digitalen Woche Kiel eingeladen, in den Räumlichkeiten von Seebär Tattoo in Kiel vorbeizuschauen – kurz wurde auch überlegt, wie gut sich das #diwokiel Logo wohl auf der Haut machen würde 😉

Tattoos sind ja eher das genaue Gegenteil zur Digitalisierung, nämlich analog und beständig. Inwiefern passt das Tätowieren also mit der Digitalisierung zusammen?

Am wichtigsten sind hier wohl die sozialen Medien: Instagram und Facebook tun ihr übriges dazu, dass die Leute auf ganz andere Ideen kommen. Als Tätowierer ist man dann ganz anders gefordert als vor zehn Jahren. Viele Anfragen sind sich zwar relativ ähnlich, man erkennt gewisse Trends bei dem, was sich die Leute stechen lassen wollen, aber trotzdem bleibt es vielfältig, kreativ und damit für mich interessant.

Empfindest du das als eine positive oder eine negative Entwicklung?

Manchmal fehlt es den Kund*innen an Relationen, wie die Tätowierungen wirklich aussehen. Viele Bilder auf Instagram zum Beispiel sind bearbeitet: Ein frisches Tattoo sieht immer gut aus, die Farben sind dann noch sehr intensiv. Wenn man also direkt nach dem Stechen ein Foto macht, zwei oder drei Filter drüberlegt, hat das wenig mit dem eigentlichen Tattoo zu tun. Wie so ein Tattoo aber nach einem Jahr aussieht, postet niemand mehr. Deshalb muss man die Kund*innen immer öfter darüber aufklären, dass sie am Ende gar nicht genau das bekommen können, was sie da auf dem Foto bei Instagram sehen.

Haben die Leute durch Facebook und Instagram unrealistische Vorstellungen von Tattoos?

Tattoo

Unser Social Media Team dort, wo sonst fleißig Kunst produziert wird

Ja, das auf jeden Fall. Gerade auf diejenigen, die sich zum ersten Mal stechen lassen, trifft das zu. Hier muss ich als Tätowierer viel mehr beraten. Wenn jemand aber schon mehrere Tattoos hat, dann ist er oder sie viel kompetenter darin zu erkennen, was möglich ist und was nur mit Photoshop gelingen kann. Für mich sind aber weniger diese unrealistischen Vorstellungen problematisch, sondern dass meine Arbeit als Künstler wenig Anerkennung erhält, wenn Kund*innen ein ganz bestimmtes Motiv und dann auch genauso, wie es auf dem Foto aussieht, haben wollen. Natürlich darf ich das nicht zu eng sehen, denn ich bin ja gewissermaßen auch Dienstleister – aber schade ist es schon.

Tätowieren kommt also nicht mehr ohne die sozialen Medien aus?

Gerade bei den Kund*innen bemerkt man den Einfluss der sozialen Medien: Manche zelebrieren das Tätowiert-Werden richtig auf ihren Profilen. Manche fragen, ob sie schon während des Tätowierens Fotos machen können. Dann werden aus allen möglichen Perspektiven Bilder gemacht und teilweise auch schon auf Facebook und so veröffentlicht. Ich meine, ich würde das ja auch machen, aber nur um die Entstehung zu dokumentieren. Für mich ist interessant wie ein Tattoo abheilt, wie sich die Linien und die Farben nach einiger Zeit verändern, aber ich poste das ja nicht alles. Das ist für mich eher aus professioneller Sicht heraus relevant. Andererseits freue ich mich natürlich auch, wenn eine Kundin oder ein Kunde ein Foto von meiner Tätowierung postet, sich darüber freut und stolz darauf ist.

Du bist ja in erster Linie Künstler. Wie genau bist du zum Tätowieren gekommen?

Ich zeichne schon sehr lange, aber vor ungefähr 12 Jahren fing es an, dass sich Freund*innen und Familie meine Zeichnungen teilweise auch aufgehängt haben bzw. ich auch mal Bilder aufbewahrt habe und eher bewusster an die Sache herangegangen bin. Dann habe ich auch ab und an Tattoos entworfen, weil die Leute damals nicht einfach im Netz nach Motiven suchen konnten. Erstens gab es da noch kaum Bilder zu finden und zweitens dauerte das mit dem Modem alles ewig. Da hat sich das eigentlich immer mehr herauskristallisiert, dass ich vielleicht auch mal selbst tätowieren will.

Was genau hat sich in den letzten Jahren für dich als Tattoo-Künstler verändert?

Wie gesagt, als man noch nicht so einfach nach Motiven oder Ideen bei Google suchen konnte, war ich auf jeden Fall mehr gefordert. Andererseits waren die Anfragen für die Motive auch nicht so ausgefallen wie heute. Wenn es mir heute an Inspiration fehlt, nutze ich selbst auch die Bildersuche im Internet. Warum auch nicht, denn irgendwoher müssen ja auch meine Ideen kommen, wie etwas aussehen kann oder wie genau Details zu realisieren sind.

Aber du würdest ein Motiv nicht 1:1 kopieren?

Nein, das macht man nicht. Dafür bin ich viel zu sehr Künstler als Dienstleister. Außer natürlich jemand möchte ein bestimmtes Logo oder explizit diese eine Schriftart tätowiert haben. Dann bleibt mir ja nichts anderes übrig als zu kopieren. Aber es ist trotzdem immer noch genug Raum, um meinen eigenen Stil mit einzubringen, sei es bei der Hintergrundgestaltung oder der Anordnung.

Um noch einmal auf das Verhältnis von Dienstleister und Künstler zurückzukommen: Suchen die Menschen, die sich tätowieren lassen wollen, eher nach einem Künstler oder nach einem Dienstleister, der einfach nur das Handwerk beherrscht?

Das kann ich gar nicht so direkt voneinander trennen. Wenn meine Kund*innen mit ihren Ideen zu mir kommen, dann ist es ja immer auch meine Aufgabe zu beraten. An dem Punkt bin ich dann ja automatisch schon eher Künstler, weil es dann, wie gesagt, auch viel um meinen Stil geht, um meine Erfahrung und meine Meinung.

Glaubst du, dass Tätowierer durch die sozialen Medien weniger Künstler und mehr Dienstleister sind? Tattoos sind ja schon fast alltäglich und verlieren dadurch an Authentizität, nämlich einzigartig zu sein.

Früher gab es nur wenige Stilrichtungen und wenige Pioniere. Es gibt Namen, die kennt halt jede*r, und die Motive sind legendär, weil es sowas vorher noch nie gab. Und diese Motive dienen dann als Inspiration für andere Tätowierer. Ähnlich wie in der Musik, bei der es gewisse Hauptsparten wie Rock, Hip Hop, Pop und so weiter gibt, aber niemand mehr das Rad neu erfindet, sondern das bereits Vorhandene aufgreift und weiterentwickelt. Beim Tätowieren kann ich das Motiv der Blume in den unterschiedlichen Stilrichtungen zeichnen, vielleicht auch total surreal, aber es wäre am Ende immer noch ein Blume. Die Digitalisierung und vor allem die sozialen Medien helfen mir dann schon, nämlich um zu erfahren, was es Neues gibt oder wo die Grenzen des Möglichen sind. Eine Blume als Motiv werde ich nicht neu erfinden können, aber ich kann mich durchaus inspirieren lassen.

Also macht die Digitalisierung Tattoos noch authentischer?

Na, das vielleicht nicht. Aber dadurch, dass sich heute so viele Menschen tätowieren lassen wollen, braucht es mehr Tätowierer*innen, die Konkurrenz steigt, man muss mehr liefern. Durch diesen Wettbewerb trennt sich die Spreu vom Weizen, denn zum einen geht es natürlich um das handwerkliche Geschick, aber auch immer irgendwie um die Kreativität. Nicht alle Tätowierer*innen erfüllen beide Prämissen, das sieht man ja schon an den ganzen Tattoo Fails, die man so im Internet finden kann, aber letztlich geht es darum, welchen Anspruch die Leute haben. Ein hoher Anspruch meiner Kund*innen bringt mich in meiner Entwicklung voran und macht mich so ein Stück weit authentischer. Ich kann mich nicht auf meinen kreativen Erfolgen ausruhen, weil meine Motive durchs Posten und Teilen jederzeit kopiert werden können. Wenn die Leute also nach authentischen Tattoos suchen, bin ich gewissermaßen dazu gezwungen, meinen Stil immer wieder neu zu erfinden.

Unabhängig von Social Media: Wie genau nutzt du digitale Medien für deine Arbeit als Tätowierer?

Tattoo

Heute werden die Skizzen nur noch selten mit Stift auf Papier produziert

Ich besitze seit Kurzem ein iPad Pro. Das habe ich mir geholt, weil ich damit viel flexibler bin. Gerade wenn es darum geht, für einen Kunden oder eine Kundin mal eben schnell etwas zu entwerfen, dann kann ich drei, vier Skizzen machen, die relativ leicht angepasst werden können. Ich kann das Motiv spiegeln, größer oder kleiner machen, Flächen füllen oder transparent machen. Bei einer Skizze auf dem Papier wäre das alles viel umständlicher, da müsste ich jedes Mal neu anfangen oder zumindest viel radieren. Per Bildbearbeitungsprogramm kann ich die digitale Skizze auch schon in ein Foto der entsprechenden Körperstelle einfügen, sodass der Kunde oder die Kundin eine genaue Vorstellung davon hat, wie das am Ende so aussehen könnte. Das hilft viel bei der Planung enorm, vor allem wenn schon Tattoos vorhanden sind. Dann kann die Größe oder die Anordnung der neuen Tätowierung viel präziser angepasst werden. Das macht mir meine Arbeit als Dienstleister natürlich viel, viel leichter. Ich kann besser und schneller auf die Kundenwünsche reagieren. Dann schicke ich einfach Zwischenergebnisse per WhatsApp an den Kunden/die Kundin und kann direkt Rücksprache halten, falls notwendig.

Wie sieht es beim Thema Flexibilität mit der Trennung von Arbeit und Freizeit aus?

Also ich habe gerne Kontakt zu meinen Kund*innen. Ich freue mich, wenn ich zwei Tage später Nachrichten bekomme und die Leute mir sagen, wie sehr sie sich über ihr neues Tattoo freuen. Trotzdem überlege ich für die Zukunft ein Smartphone extra für die Arbeit anzuschaffen, denn am Ende sind Kund*innen im Regelfall keine Freunde. Ich möchte ja schließlich auch mal Feierabend machen und nicht auf Anfragen von Kund*innen antworten müssen, auch wenn ich bei WhatsApp online bin. Gerade dadurch, dass ich meine Skizzen digital erarbeite, fällt es den Kund*innen in ihrer Vorfreude schwer, wenn er oder sie mal ein Wochenende auf eine Antwort warten muss. Dieses Problem wäre mit zwei verschiedenen Telefonen leicht gelöst.

Ganz herzlichen Dank für deine Zeit und weiter viel Spaß und Erfolg als Seebär!