Interview mit Regine Schlicht vom Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kiel

Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kiel (M4KK) ist im Rahmen der Initiative „Mittelstand-Digital“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ins Leben gerufen worden. Beheimatet im Forschungs- und Entwicklungszentrum der Fachhochschule Kiel, ist das M4KK bereits nach etwas mehr als einem Jahr eine feste Institution in der Landeshauptstadt. Anlass genug dazu, uns mit Regine Schlicht, der Leiterin des M4KK, zu unterhalten:

Moin Regine, vielen Dank für Deine Zeit. Was genau macht das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kiel?

Regine: Das M4KK unterstützt kleine und mittelständische Unternehmen dabei, den Einstieg in die Digitalisierung anzugehen und eigene Digitalisierungsvorhaben umzusetzen. Dafür gibt es bei uns ganz konkrete Formate: von Informationsveranstaltungen über Unternehmenssprechstunden, Labtouren, Innovationsfähigkeit-Assessments oder Bootcamps bis hin zu ganz konkreten Projekten. Diese Angebote kann jedes kleine und mittelständische Unternehmen in Schleswig-Holstein und selbstverständlich auch darüber hinaus wahrnehmen. Thematisch sind wir breit aufgestellt: Wir haben Kompetenzen in den Bereichen Wirtschaftlichkeit, Innovationsmanagement und Interoperabilität (vernetzte Daten) an Bord. Ergänzt werden die Themen durch drei branchenfokussierte Teams – Maschinenbau, Medizintechnik und Lebensmitteltechnik. Alle Formate sind dabei kostenlos.

Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kiel hat vor kurzem sein einjähriges Jubiläum gefeiert. Wie lautet Euer Fazit des ersten Jahres M4KK in Kiel?

Regine: Wir sind gut durchgestartet. Natürlich merken wir auch, was die Unternehmen beschäftigt, welche Themen aktuell von Interesse sind und welche Formate gewünscht werden. Dabei haben sich drei Gruppen herauskristallisiert:

  • Unternehmen, die eine Unterstützung beim Einstieg benötigen
  • Unternehmen, die sich bei der „Digitalisierung zum Anfassen“ auf unseren Labtouren inspirieren lassen und dann ggf. in weiterführenden Formaten nächste Schritte mit uns gehen
  • Unternehmen, die bereits mit ganz konkreten Herausforderungen auf uns zukommen

Regine Schlicht, Leiterin des M4KK

Ihr wart im vergangenen September auch auf der #diwokiel19 aktiv – Was genau habt ihr dort gemacht?

Regine: Unser Team war an diversen Formaten aktiv beteiligt, beispielsweise zum Thema Innovationsmanagement, der Labtour in der Digitalen Fabrik oder gemeinsam mit vielen anderen Kooperationspartner*innen im Rahmen des Events „Tech & Taff: Frauen.Unternehmen.Digitalisierung“. Und natürlich haben wir viele spannende Veranstaltungen als Teilnehmende besucht: so auch den Workshop mit Mario Herger – ein grandioses Erlebnis!

Ende November hat die Digital Challenge 2019 stattgefunden, die von euch in Kooperation mit The Bay Areas e.V. ausgerichtet wird. Mögt ihr für unsere Leser*innen zusammenfassen, was bei der Digital Challenge passiert und wie diese abläuft?

Regine: Bei der Digital Challenge werden die Geschäftsmodelle der teilnehmenden Unternehmen von Studierenden-Teams auf den Prüfstand gestellt. Die Expert*innen des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kiel und unsere Kooperationspartner unterstützen die Studierenden dabei. Daher sind wir für die Mitarbeit der Universitäten und Fachhochschulen aus Kiel, Lübeck und Flensburg sehr dankbar. Die disruptiven Ansätze sollen den Unternehmen neue Impulse für ihre Digitalisierungsstrategie geben. Es klingt ganz einfach, ist aber hochspannend. Denn im Detail sieht es so aus: Wir hatten sieben Unternehmen am Start, deren Geschäftsmodelle unabhängig von jeweils zwei Studierendenteams im wahrsten Sinne des Wortes „auseinandergenommen“ wurden. Kann man so in Zukunft noch Geld verdienen? Gibt es alternative Vorgehensweisen? Muss man eigentlich ganz anders arbeiten? Wie sieht ein Geschäftsmodell aus, wenn ich mal den Blickwinkel wechsel? Wie radikal kann ich beim Thema Innovation sein? Diesen und vielen weiteren Fragen haben sich die Teams gestellt. Dabei entwickeln sie Lösungsansätze, die sie am Ende der Woche wie ein Start-Up vor einer Jury pitchen. Seitens der Unternehmen war u.a. Remondis dabei, vielen als Müllentsorger bekannt. Täglich begegnen wir den Mülllastern, die den Abfall einsammeln und an zentrale Orte zur Entsorgung oder Weiterverarbeitung bringen. Wird das auch in Zukunft so sein? Ganz klare Antwort: Nein. So jedenfalls das Fazit eines Studierenden-Teams, das ein Geschäftsmodell mit einer dezentralen Müllsammlung inkl. angeschlossenem Energiekonzept entwickelt hat.
Remondis hat sich von der Digital Challenge die „Erarbeitung einer Idee für eine radikale Innovation“ erhofft. „Eine Idee, die zuvor noch nicht betrachtet wurde und gleichzeitig einen Wettbewerbsvorteil mit sich bringt“ – so der Idealfall. Und Remondis wurde nicht enttäuscht. Nach der Challenge können die teilnehmenden Unternehmen dann selbstverständlich mit den Lösungsansätzen und den Teams weiterarbeiten.

Wer sind die Preisträger*innen der Digital Challenge 2019 und womit haben diese sich inhaltlich beschäftigt?

Regine: In der letztjährigen Digitale Challenge waren zwei Unternehmen aus Lübeck am Start, die beide aus dem stationären Einzelhandel kommen – einer Branche, die bekanntermaßen erheblich von der Konkurrenz aus dem Internet betroffen ist. In Kiel war die Unternehmensgruppe sehr gemischt: Das bereits angeführte Entsorgungsunternehmen Remondis war am Start, dann die SWN Verkehr aus Neumünster und die Designa Verkehrsleittechnik. In Flensburg ließen sich der beratende stationäre Großhändler Witte und die Tourismus Agentur Flensburger Förde auf den Prüfstand stellen. Es wurden zum Teil wirklich sensationelle Ansätze seitens der Studierenden entwickelt. Dabei muss man berücksichtigen, dass diese im Rahmen der Digital Challenge nur eine Woche Zeit haben.
Das Gewinnerteam aus Flensburg entwickelte für die Witte GmbH einen smarten Containerladen mit dezentraler Lagerung. Das Gewinnerteam aus Kiel konzipierte für die Neumünsteraner SWN Verkehr einen modularen Nahverkehr auf Abruf, der sich den Kundenbedürfnissen individuell anpasst und über Werbung finanziert wird, damit er für die Kunden kostenlos ist. In Lübeck gab es ein Unentschieden beim Kampf um den ersten Platz, den sich sowohl ein Team von Meissner als auch ein Team von Betten Struve sichern konnten. Das Struve-Team zeigte, dass sie ein echtes Potenzial im Leasing von Qualitätsmatratzen sehen, während das Team von Meissner mit ihrem Vouge.Lab den Ansatz eines Online-Shops mit individueller High Class Modeberatung verfolgten.

Das Orga-Team der Digital Challenge 2019: Marcus Westphal & Nicolas Knickrehm

Wie ist es dazu gekommen, dass das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kiel die Digital Challenge ausrichtet?

Regine: Dazu muss man wissen, dass die Digital Challenge nicht erst seit gestern besteht, sondern dieses Jahr bereits zum dritten Mal durchgeführt wurde. Einer unserer Konsortialpartner, die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, hat seit der allerersten Stunde mit Ihren Studierenden an der Digital Challenge teilgenommen. Darüber entstand der Kontakt und wenn man bedenkt, was das M4KK im Kern tun soll – nämlich den Mittelstand zur Digitalisierung zu befähigen – war es eigentlich naheliegend, sich dort einzubringen. Denn nichts wappnet ein Unternehmen besser für die Zukunft als ein Blick über den Tellerrand, um neue innovative Ideen oder mögliche Gefahren aus anderen Bereichen oder von Wettbewerbern zu entdecken. Und das ist es, was die Unternehmen aus der Digital Challenge mitnehmen können.

Was steht 2020 für das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kiel auf der Agenda?

Regine: In 2020 werden wir verstärkt mit Unternehmen in Projekten, Seminaren oder Workshops zusammenarbeiten. Und natürlich geht auch das Thema Künstliche Intelligenz nicht an uns vorbei. Unser Team führt hier Bootcamps und Projekte mit Unternehmen durch. Aufgrund des großen Interesses planen wir deswegen gemeinsam mit euch, also dem diwokiel-Büro, und der FH einen „KI-Tag“ zur kommenden Digitalen Woche Kiel im September. Hier werden wir unterschiedlichste Themenstränge behandeln und viele Mitmach-Angebote anbieten. Selbstverständlich werden wir bei vielen weiteren Veranstaltungen dabei sein, so beispielsweise auf der Konferenz „Arbeiten 4.0“ am 17.03.2020 in Kiel. Hier stellen wir Möglichkeiten und vor allem den Nutzen des kostenlosen Innovationsfähigkeit Assessments vor.

Wird die Digital Challenge auch in 2020 wieder stattfinden?

Regine: Selbstverständlich wird die Digital Challenge dieses Jahr in die nächste Runde gehen. Der Zeitplan steht noch nicht final, aber voraussichtlich wird die Digital Challenge 2020 am 16.11. starten. Ab Sommer beginnen wir mit der Ausschreibung – sowohl für die Studierenden-Teams als auch für die Unternehmen. Also, geht ab Sommer einfach mal wieder auf die Webseite des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum oder abonniert unseren Newsletter, dann werdet Ihr automatisch informiert. Na klar sind wir auch auf Facebook, Twitter und Instagram vertreten, wo Ihr über alles auf dem Laufenden bleibt.

Regine, vielen Dank für die interessanten Antworten und weiterhin viel Erfolg für das M4KK!