Jill Thielsen sagt: Digitalisierung #gehtmichan - Digitale Woche Kiel
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Jill Thielsen sagt: Digitalisierung #gehtmichan

Diesmal ist das Social Media Team der Digitalen Woche Kiel bei Jill Thielsen zu Gast. Jill hat 2005 bis 2012 an der CAU Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft, Kunstgeschichte und Soziologie studiert, ist seit 2013 Doktorandin und Dozentin am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien an der CAU Kiel. Unser Team hat sich mit ihr darüber unterhalten, wie die Digitalisierung ihre Arbeit beeinflusst und welche Chancen sich ergeben.

Die Literaturwissenschaft ist ja eher eine ‚analoge’ Wissenschaft, d.h. es braucht erst einmal keinen PC, um zu Forschungsergebnissen zu kommen. Inwiefern betrifft dich hier also die digitale Transformation?

Hier muss man differenzieren. Zum einen die eigentliche literaturwissenschaftliche Arbeit und das Forschen, und zum anderen natürlich die Lehre, also was verändert sich im allgemeinen Universitätsbetrieb und in der Betreuung der Studierende. Wenn ich das auf meine wissenschaftliche Arbeit beziehe, dann stellen digitale Medien oder Entwicklungen erst einmal eine Erleichterung dar; bereits die einschlägigen Suchmaschinen können mir einige Mühen abnehmen. Generell sind die Wege kürzer und unkomplizierter geworden, der Austausch untereinander viel leichter, Wissen ist in einem viel größeren Umfang verfügbar. Ich kann auf einen umfassenderen Katalog zurückgreifen, Bücher finde ich jetzt nicht mehr nur in der Bibliothek, sondern auch online als PDF. Ich kann auch außerhalb der Universität auf diese Dinge zugreifen und bin wesentlich flexibler.

Was genau bedeutet wissenschaftliches Arbeiten in der Literaturwissenschaft?

In der Literaturwissenschaft geht es zu einem nicht geringen Teil um die Recherche. Wenn ich mit einer bestimmten Forschungsfrage an einen literarischen Text herantrete, muss ich z. B. herausfinden, ob und was zu diesem Thema bereits veröffentlicht worden ist. Schließlich darf ich die Ergebnisse anderer Wissenschaftler*innen nicht wiederholen oder als meine eigenen ausgeben – wissenschaftliche Standards müssen erhalten bleiben. Dann muss ich die historischen Hintergründe von Texten klären oder mir aus anderen Disziplinen Wissen erschließen, abhängig davon, wie groß ein Forschungsprojekt angelegt ist. Literaturwissenschaftliches Forschen basiert also vor allem auf der Erschließung und Verknüpfung von Wissen aus unterschiedlichen Kontexten.

Du sagtest, dass durch die digitale Transformation die Recherche erleichtert wird. Sind also durch die Digitalisierung jetzt prinzipiell mehr Publikationen verfügbar und wird dadurch die Recherche nicht aufwendiger?

Digitalisierung

Kirsten vom Social Media Team der #diwokiel im Gespräch mit Jill

Natürlich fehlt häufig eine professionelle Vorauswahl, sodass ich Kriterien für meine Suche entwickeln muss. Das ist bei einem strukturierten Bibliotheksbestand geordneter, gleichzeitig aber auch eingeschränkter. Natürlich wird es schwieriger, die Masse an Publikationen zu überblicken. Nichtsdestotrotz habe ich leichten Zugriff auf einen enormen Wissensspeicher, den ich für die Forschung brauche und nutzen kann.

Die Digitalisierung ist im Großen und Ganzen also gewinnbringend: die Forschungsergebnisse werden durch den digitalen Wissensspeicher akkurater.

Ich habe auf jeden Fall einen erleichterten Zugang zu Wissen, werde eventuell nur durch die Liste der Suchergebnisse auf Aspekte aufmerksam, die ich vorher nicht im Blick hatte. Ob Forschungsergebnisse akkurater werden, hat allerdings nichts mit der Nutzung digitaler Medien zu tun. Das hängt immer noch von der Person hinter den Ergebnissen ab.

Aber was ist mit den wissenschaftlichen Standards, der Qualität der Quellen. Ist Wikipedia zum Beispiel wissenschaftlich?

Gerade bei digitalen Quellen geht es um eine Medienkompetenz, die man entwickeln muss. Man muss einschätzen können, wie Quellen zu bewerten sind, welche relevant und verlässlich sind; man muss hinterfragen, darf Inhalte nicht einfach hinnehmen. Wissenschaftliches Arbeiten bedeutet auch die kritische Bewertung von Inhalten. Dem Projekt Wikipedia möchte ich, was Wissensspeicherung und -austausch angeht, nichts absprechen. Aber es fehlt die Kontrollinstanz. Ich kann nicht überprüfen, woher das Wissen kommt, worauf es sich bezieht. Für einen ersten Überblick kann Wikipedia eine gute Sache sein, aber für die wissenschaftliche Arbeit ist es nicht geeignet.

Das Erlernen dieser Medienkompetenz ist also Teil eines literaturwissenschaftlichen Studiums.

In gewissem Maße schon. Studierende sollen lernen, kritisch zu hinterfragen. Das ist nicht nur auf Wikipedia bezogen, sondern auf jede Website, die sich mit Literatur beschäftigt. Ich glaube, dass den Student*innen gezeigt werden muss, dass dieser digitale Wissensspeicher nicht die eigene Wissenserschließung und vor allem nicht die Verknüpfung von Wissen ersetzt: Dass man zum Beispiel Kant im Original liest und nicht einfach auf Webeinträge zurückgreift. Kein Lexikon – digital oder analog – kann die eigene Lektüre ersetzen. In der Wissenschaft kann man, darf man sich nicht auf vorselektiertes und aufbereitetes Wissen verlassen, weil immer etwas verloren geht. Im Studium ist es wichtig, die eigene Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsgegenstand zu fokussieren und zu erlernen. Komplexes und kritisches Denken kann das digitale Medium den Studierenden nicht beibringen.

Kommen wir zur Digitalisierung in der Lehre: Wie digitalisiert ist denn das Studium heute?

Vieles ist bereits digitalisiert. Gerade im Bereich der Verwaltung läuft fast alles digital. Im Bereich der Lehre greifen wir auf eLearning-Plattformen zurück, auf denen wir Materialien zur Verfügung stellen können und über die wir kommunizieren können. Das spart Zeit, die ich für andere Arbeiten einsetzen kann.

Und ist das alles vorteilhaft oder notwendig?

Sicher erleichtern bestimmte Sachen den Alltag, aber häufig passieren auch Schnellschüsse. Es wird etwas eingeführt, bevor überhaupt das eigentliche Verständnis dafür da ist. Hinter dem digitalen Verwaltungssystem für die Prüfungen zum Beispiel stehen noch Sachbearbeiter*innen, die es bedienen müssen. Diese Personen müssen darauf vorbereitet werden, um im Zweifelsfall auf Probleme reagieren zu können. Das sollte aber vor der Einführung eines neuen Systems geschehen. Ein anderes Beispiel sind die eLearning-Plattformen. Hier waren einige Rechtsfragen nicht geklärt: Welche Texte dürfen wir auf diesen Seiten überhaupt zur Verfügung stellen? Da gab es Urheberrechtsprobleme, an die bei der Einführung niemand gedacht hat. Sicher, das lässt sich alles lösen, aber es kommt zu Verzögerungen und führt erstmal zu Verwirrung, statt zu einer Erleichterung.

Wie genau nutzt du diese eLearning-Plattformen als Dozentin?

Digitalisierung

Jill Thielsen in ihrem Büro an der CAU

Ich stelle hierüber eigentlich nur Materialien zur Verfügung und nutze die Möglichkeit, mit der Gruppe zu kommunizieren. Es gibt zwar die Option, Online-Sprechstunden zu führen, aber mir ist das persönliche Gespräch viel wichtiger. Bei digitalen Lösungen muss man sich immer fragen, inwiefern Prozesse wirklich erleichtert werden und wofür man die Angebote nutzen möchte. Gleichzeitig ist es wichtig, zu hinterfragen, welche anderen Aspekte dabei verloren gehen können. So sind Diskussionen im Forum einer eLearning-Plattform wenig gewinnbringend, wenn es darum geht, sich mit bestimmten Situationen, Meinungen und Menschen auseinandersetzen zu müssen. Im Seminar sollen die Studierende lernen, zu diskutieren, Argumente und Gegenargumente vorzubringen. Das ist in einer face-to-face-Situation etwas ganz anderes als im Rahmen eines Distanzmediums, das auch die Möglichkeit bietet, sich einer Konfrontation, sobald es unangenehm wird, zu entziehen. Den Seminarraum verlässt keiner so einfach. Beim Studium geht es eben nicht nur um eine reine Wissensvermittlung, sondern auch um eine Persönlichkeitsbildung.

Das Fach Deutsch ist eines der Fächer mit den meisten Studierenden an der CAU. Ist da eine Online-Sprechstunde nicht eine Erleichterung, um auch kleine Anfragen schnell zu beantworten?

Ob ich dafür die eLearning-Plattform unbedingt brauche oder das per Mail kläre, sei einmal dahingestellt. Hier geht es auch um das generelle Problem der Entgrenzung. Theoretisch bin ich per Mail immer erreichbar, könnte überall und immer Anfragen von Studierenden beantworten und klar, diese Flexibilität ist auch notwendig bei der Menge der Studierenden. Aber ich glaube, diese Neuerungen der Kommunikation verschleiern teilweise auch ein Problem. Es kann nicht Sinn der Sache sein, dass ich per Online-Sprechstunde, Mail oder Skype jetzt dreimal so viele Student*innen betreuen kann, sondern es muss an einigen Stellen mehr Personal her. Ich finde Studierende haben das Recht auf eine vernünftige, intensive und vor allem persönliche Betreuung. Die Nutzung neuer Medien zur Kommunikation ist noch kein Qualitätsmerkmal.

Sollten wir uns also nicht weiter auf den Weg zum digitalen Studium begeben?

Ich halte die Digitalisierung im universitären Betrieb und in der Forschung für sinnvoll, da sie zur Erleichterung beitragen kann. Es gibt sicher noch Potential, sodass z. B. neue Formen der Wissensaufbereitung entstehen können. Man sollte sich aber immer bewusst machen, was man mit der Nutzung digitaler Medien erreichen möchte. Bestimmte Aspekte wie persönliche Gespräche und Begegnungen können und sollten nicht ersetzt werden, weil dadurch zu viel verloren gehen würde. Nur weil ich etwas machen kann, muss ich es ja noch lange nicht tun. Man muss sich im Klaren sein, welche Vorteile, aber auch welche Nachteile und neuen Probleme die Digitalisierung bringen kann. Die Universität ist vor allem ein sozialer Raum, in dem es zu Begegnungen kommt, die für die Wissenschaft notwendig sind. Ich denke, man sollte trotz digitaler Möglichkeiten nicht versuchen, diesen Ort zu simulieren oder gar zu ersetzen.

Okay, vielen lieben Dank für deine Zeit, die interessanten Einblicke in deine Arbeit und deine spannenden Auskünfte.