Digitale Woche Kiel

Kiel – Transformation mit Tradition

In Kiel sind derzeit viele Kräne im Einsatz. Es wird gebaggert und gemauert, in der Innenstadt und auf dem Gelände des Universitätsklinikums, aber auch an zahlreichen anderen Stellen der Stadt – und bald auch wieder an der Hörn. Diese Stadt wird schon in wenigen Jahren an vielen Stellen ganz anders aussehen als heute. Doch immer noch ist sie auch geprägt von der großen Wachstumsphase, also der Zeit von 1865 bis 1914: Als aus der zwar nicht unbedeutenden, aber doch eher kleinen deutschen Stadt mit gerade einmal knapp 32.000 Einwohnern eine moderne Großstadt mit fast 223.000 Einwohnern wurde. Die Schiffbauindustrie und die Marine machten Kiel groß. Und beide haben bis heute eine hohe Bedeutung für Kiel. Kiel wurde auch auf kaiserlichen Geheiß hin zur Marine- und Schiffbaustadt – Wirtschafts- und Stadtentwicklung von oben.

Andere Städte oder Regionen erlebten vergleichbare Entwicklungen. Die Krupps und Thyssens und Stinnes prägten das Ruhrgebiet. Daimler bestimmte stark die Entwicklung im Stuttgarter Raum, Leverkusen ist ohne Bayer genauso wenig vorstellbar wie Wolfsburg ohne VW oder Erlangen ohne Siemens. Wenn wir darüber nachdenken, wie wir in Kiel Arbeitsplätze schaffen und die Stadt für Investoren interessant machen können, dann wissen wir: a) Es gibt keinen Kaiser mehr. b) Und ein Großinvestor wird wohl so schnell nicht nach Kiel kommen. Hier an der Förde sorgen die kleinen und mittelständischen Firmen dafür, dass die Beschäftigung seit Jahren stetig steigt. Aber das muss uns dennoch nicht davon abhalten, auch groß zu denken.

Den Wandel durchdenken – Möglichkeiten nutzen

Denn die digitale Transformation bietet Kiel große Chancen, die Wirtschaft (und andere Bereiche!) sowie den Standort insgesamt ganz neu zu entwickeln. Kiel ist hierfür nicht schlecht aufgestellt: So wie das Ruhrgebiet im 19. und 20. Jahrhundert von der Kohle profitierte, so können wir in Kiel heute auf das Know-how in den Betrieben, den Hochschulen und Forschungseinrichtungen bauen. Aber: Die Digitalisierung wird nicht zwangsläufig positive Folgen haben. Wir müssen sie gestalten. Hier sieht die Stadt sich in einer ganz besonderen Verantwortung:  Nicht nach Art des Kaisers oder eines Stahlbarons oder eines großen Investors von oben entscheiden und umsetzen lassen – Sondern Entwicklungen anzuregen, zu moderieren, zu begleiten oder auf vielfältige Weise zu unterstützen.

Die Digitale Woche Kiel bietet dazu einige Möglichkeiten. Digitaler Wandel baut zwar einerseits auf den Ideen vieler Akteure auf; aber diese Transformation benötigt auch Strukturen, Ziele und Strategien. Der Prozess lebt ganz entscheidend davon, dass Teilhabe und Mitgestaltung möglich sind. Das gilt für die einzelnen Firmen und Institutionen, es gilt aber auch ganz besonders für die Stadtgesellschaft insgesamt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Bürgerinnen und Bürger müssen das Neue mitgestalten können, sonst wird der Wandel nicht erfolgreich gelingen.

Digitale Woche Kiel: Von allen – Für alle

Daher ist die #diwokiel eben keine reine Wirtschaftsveranstaltung. Sondern die Idee dahinter ist die, dass sich Akteure miteinander vernetzen und dass sich Menschen austauschen, die vorher nicht die Gelegenheit zu einem solchen Austausch hatten. Ein weiterer Ansatz dieser Woche ist es, die zufälligen Begegnungen zu fördern und dem Ungeplanten Raum zu geben: dass die Lehrerin auf den Datenschützer trifft, Studierende Einblicke in Firmen bekommen und diese z.B. erfahren, wie sich Nachwuchs-Fachkräfte ihren Arbeitsplatz vorstellen. Dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Klassen neue Anregungen für ihren Unterricht erhalten und dass vielleicht eine etablierte Firma und ein Start-up entdecken, eine Kooperation auf dem digitalen Feld könne sowohl für beide große Vorteile haben als auch neue Erkenntnisse bringen. Digitale Prozesse sind offen. Und man muss diese Offenheit leben und den offenen Austausch immer wieder erleben. Man kann in dieser Phase der Transformation einiges planen. Wichtiger aber ist es, neue Dinge zunächst einmal überhaupt zu wagen und auszuprobieren. Wir alle müssen zunächst Erfahrungen sammeln, sie bewerten und dann möglicherweise die Richtung der Veränderung wechseln.

Digitale Transformation geht jede*n an

Die Digitalisierung verändert Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft tiefgreifend. Auch die Verwaltung der Landeshauptstadt Kiel wird sich in den nächsten Jahren digital umgestalten. Digitale Prozesse werden das gesamte Rathaus durchziehen: Mehr Transparenz und Teilhabe sind möglich, Klimaziele können schneller erreicht, Mobilität kann bedarfsgerechter organisiert werden, Stadtentwicklung und -planung verändern sich und die wichtigen Fragen des Datenschutzes und der IT-Sicherheit werden noch sehr viel intensiver zu diskutieren sein. Die Menge der digitalen Daten wird weiter sehr stark zunehmen, doch für personenbezogene Daten gilt das Gebot der Datensparsamkeit.

Weil wir als Kommune alleine damit überfordert wären, suchen wir den Austausch und die Vernetzung: mit den Akteuren in Kiel, aber darüber hinaus mit dem Land, dem Bund und mit anderen Städten in Deutschland, Europa und der Welt. Jahrzehntelange Kontakte zu unseren Partnerstädten, aber auch der kooperative Austausch im Städtenetzwerk EUROCITIES oder der UBC, der Union of the Baltic Cities, ermöglichen uns schnellen Zugang zu speziellem Know-how. Das Interesse, gerade auf dem Feld der Digitalisierung voneinander zu lernen, ist groß. So beschäftigt sich beispielsweise das Internationale Städteforum während der Kieler Woche mit dem Thema „Digitale Stadt“. Kiel leitet den Ausschuss „Smart an Prospering Cities“ der UBC. Und schließlich, nicht zu vergessen, legen wir auch hier große Hoffnungen auf die neue Partnerschaft mit San Francisco.  Auch in diesem Zusammenhang gehen wir neue Wege und nicht allein: Das Land Schleswig-Holstein und der Verein The Bay Areas sind an unserer Seite.

Die Kräne, die Bagger, die Bauarbeiter – sie verändern derzeit Kiel. Doch der digitale Wandel wird diese Stadt genauso nachhaltig und sichtbar prägen. Und Kiel präsentiert sich als eine Stadt, in der sich viele Menschen diesem Wandel sehr aktiv stellen. Was nicht heißt, dass hier unkritisch auf die sich abzeichnenden Entwicklungen geblickt wird. Ich sehe aber die Digitalisierung vor allem als große Chance für Kiel und für die Region. Und die Digitale Woche Kiel 2018 wird das noch einmal unterstreichen.

Dr. Ulf Kämpfer – Oberbürgermeister der Stadt Kiel