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Miriam Borlisch und Stephanie Radtke von der Stadtbücherei Kiel sagen: Digitalisierung #gehtmichan

Auch für den heutigen #gehtmichan Beitrag sind wir an einem Ort zu Gast, der noch immer in erster Linie mit analogen Medien verbunden wird –  in der Stadtbücherei Kiel. Miriam Borlisch und Stephanie Radtke erzählen uns, welchen Einfluss die Digitalisierung auf ihre Tätigkeiten und ihr Arbeitsumfeld hat.

Steffi ist Bibliothekarin und für vier der neun Stadtteilbüchereien zuständig. Sie unterstützt die ehrenamtlichen Helfer, kümmert sich um den Bestandsaufbau und –pflege, den Auskunftsdienst und organisiert Veranstaltungen. Miriam ist Fachangestellte für Medien und Informationsdienste (FaMI). Sie kümmert sich um die Kasse, den internen Leihverkehr und hilft bei Veranstaltungen mit. Außerdem sorgt sie dafür, dass alle zurückgegebenen Bücher wieder den richtigen Platz im Regal finden. Bibliothekarin und FaMI stünden zueinander wie Arzt und Krankenschwester, erklärt sie uns.

Vielen Dank, dass ihr uns einen Einblick in eure Arbeit gewährt. Inwiefern braucht man die digitalen Medien für eine Bibliothek?

Steffi: Pragmatisch ausgedrückt: Ohne Computer geht bei uns nichts mehr. Ich helfe Kunden, die Anfragen zu einem Buch haben und recherchiere dann am Computer. Ansonsten geht es viel um E-Mail Bearbeitung, um Terminvereinbarungen und selbst bei den meisten Veranstaltungen sind digitale Medien involviert. Auch wenn wir überlegen neue Medien zu kaufen, läuft das über den PC. Wir erhalten Erwerbungslisten, in denen die Bücher schon besprochen worden sind. Anhand derer kann man sich überlegen, ob sie für die eigene Bibliothek geeignet sind oder nicht. Lauter Kleinkram, aber alles am PC.

Brauchte es eine digitale Transformation des Bibliothekswesens? Und wenn ja, wozu?

Steffi: Die digitale Transformation hat viele Arbeitsprozesse vereinfacht und schneller gemacht, sodass  wir uns noch anderen Tätigkeiten widmen können. Früher hatten wir Zettelkataloge. Um Verweise unter den verschiedenen Buchtiteln und Autoren zu ermöglichen, musste jede Karte mit allen Informationen mehrfach geschrieben werden. Das war mühsam und kompliziert. Dadurch hat die Katalogisierung und Recherche länger gedauert. Außerdem mussten die Kunden vor Ort sein, wenn sie etwas nachsehen wollten. Heute katalogisieren wir am PC und erhalten Fremddaten, die nur noch nach den Hausregeln angepasst werden müssen. Außerdem können die Kunden von zuhause aus in unserem Katalog stöbern. Insofern hat es uns und den Kunden Erleichterung gebracht.

Wie hat sich das Berufsbild gewandelt?

Bibliothek

Unser Social Media Team mit Steffi und Miriam (v.l. auf dem roten Sofa)

Steffi: Seit Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre hat sich das Berufsbild stark gewandelt, es sind ganz neue Aufgaben dazu gekommen. Heute sind wir in erster Linie Dienstleister. Die Kunden stehen im Fokus, wir haben viele Veranstaltungen und betreiben Networking und Medienpädagogik.

Wie genau passen Bibliothek und Networking zusammen?

Miriam: Für unsere Veranstaltungen suchen wir immer wieder Kooperationspartner, die uns unterstützen. Wir haben zum Beispiel die ‚Frühjahrswochen‘, eine Aktion für Kindergärten und Schulen. Die Kinder kommen in die Bücherei und wir lesen ihnen eine Geschichte vor. Diese Wochen haben immer ein Thema und passend dazu haben wir noch Besuch von außerhalb. Wir hatten zum Beispiel jemanden von einem Bauernhof, der den Kindern eines seiner Hühner mitgebracht hat und auch schon einen Imker, der sehr anschaulich von seinem Beruf erzählt hat. Wir versuchen unsere Veranstaltungen damit aufzuwerten und möglichst nützlichen Mehrwert zu bieten.

Wie viel habt ihr noch mit den Büchern an sich zu tun? Nur noch, wenn ihr sie in die Regale zurück räumt, weil alles andere wahrscheinlich inzwischen über Codes und Scanner funktioniert?!

Miriam: Es gibt auch noch andere Tätigkeiten bei denen wir die Bücher in den Händen halten, wie zum Beispiel das Katalogisieren und die technische Buchbearbeitung. Die Medien haben bei uns einen RFID-Tag. Legt man sie auf eine entsprechende Antenne, werden die Tags, also die Informationen ausgelesen. Dazu gehören der Buchtitel, der Autor und wann es bei uns eingearbeitet wurde. Mit diesem System werden sie auch ausgeliehen. Über Stempelkarten arbeiten wir gar nicht mehr, das ist alles digital. Die Nutzer haben bei uns ein Konto, ähnlich wie bei Netflix. Von zuhause können sie darauf zugreifen und Medien verlängern oder vormerken. Die Rückgabe erfolgt wieder selbstständig. Aber wir sind natürlich vor Ort und helfen gerne, wenn es Fragen gibt oder jemand ein Problem mit dem Selbstverbuchungsgeräthat.

Ist einmal das System etabliert, kann der Nutzer alles selbstständig erledigen?

Steffi: Genau, wenn ein Nutzer nicht mit uns reden will, muss er das auch nicht.

Wie ist das mit den Arbeitsplätzen? Haben die sich durch die Veränderungen merkbar reduziert?

Steffi: Ich glaube, das war bei vielen die Befürchtung, als diese Selbstverbuchungssysteme aufkamen. Aber es haben sich eher die Tätigkeiten verschoben und verändert. Bei uns hat die Veranstaltungsarbeit stark zugenommen. Vor 20 oder 30 Jahren war das noch nicht so ein großes Thema wie heute. Außerdem versuchen wir, die Bibliothek weniger als eine Institution, sondern als einen ‚Dritten Ort’ zu präsentieren. Natürlich ist es immer noch wichtig, dass man hier Bücher und andere Medien, wie Blu-rays, Konsolenspiele, Gesellschaftsspiele, Musik CDs oder Hörbücher ausleihen kann. Aber darüber allein definiert sich ‚Bibliothek‘ eben nicht mehr.

Hat sich in den letzten Jahren das Mediennutzungsverhalten merklich geändert?

Steffi: Schon, durch Streamingdienste wie Amazon Prime oder Spotify werden manche Bestandsgruppen nicht mehr so stark genutzt. Entsprechend hat sich auch unser Bestand verringert. Andererseits bieten auch wir einen digitalen Bestand mit E-Books, E-Audios und Tageszeitungen in der ‚onleihe’ an.

Wird das gut angenommen?

Miriam: Das wird sehr gut angenommen, ja. Wir sind Teil eines Verbundes von mehreren Bibliotheken in Norddeutschland.Über eine digitale Plattform können, die Kunden auch von zuhause oder sogar im Urlaub Medien ausleihen. Man muss die Bibliothek somit eigentlich gar nicht mehr betreten, um sie zu nutzen. Und manche Kunden handhaben das tatsächlich so: Die haben sich nur aufgrund der ‚onleihe‘ angemeldet, leihen also keine physischen Medien bei uns aus, sondern nur digitale.

Man merkt, dass eure Arbeit nichts mehr mit der traditionellen Sicht auf Bibliothekar*innen zu tun hat. Wie gestaltet sich denn die Ausbildung? Inwiefern wird man da vorbereitet?

Bibliothek

Steffi und Miriam sehen die neue Ausrichtung ihrer Berufsfelder positiv

Steffi: An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg kann man zum Beispiel Bibliotheks- und Informationsmanagement studieren. Der Studiengang ist sehr digital geprägt. Man lernt auch das klassische Handwerkszeug wie Bestandsaufbau, aber da liegt nicht der Fokus. Ich denke aber, dass der Schwerpunkt von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich ist. Mein Studium ist jetzt schon etwas her, ich denke, dass die Inhalte sich in der Zeit schon verändert haben, das unterliegt einem stetigen Wandel.

Miriam: Außerdem kann man sich in einer 3-jährigen Ausbildung zum Fachangestellten für Medien und Informationsdienste ausbilden lassen.  Ebenso wie im Studium lernt man auch hier, wie man eine Website programmiert und eine Datenbank erstellt. Social Media und Marketing gehören ebenfalls dazu.

Ihr habt euch doch sicherlich für diesen Berufszweig entschieden, weil ihr Bücher wertschätzt. Macht es euch da traurig, dass nicht mehr so viele Menschen in die Bibliothek kommen und eher die ‚onleihe‘ nutzen?

Steffi: Traurig in dem Sinne macht es uns nicht. Aber dass empfindet wohl jede*r anders.  Vielleicht hat das auch etwas mit dem Alter zu tun und wie lange man diesen Beruf schon ausübt. Wir finden diesen Wandel eher spannend, weil wir uns neu erfinden müssen. Wir müssen diesen Ort gestalten und die Möglichkeit schaffen, dass man sich hier gerne aufhält. Außerdem ist es wichtig, dass Kinder Geschichten kennen lernen und ans Lesen herangeführt werden. Deswegen betreiben wir mit unseren Veranstaltungen Leseförderung. Ob das zwangsläufig über ein richtiges Buch geschehen muss, da sind wir uns nicht sicher. Heutzutage gibt es schließlich zahlreiche Alternativen zum Buch. Es ist uns auch sehr wichtig, Medienkompetenz zu vermitteln. All das zusammen sind aktuell die Kernaufgaben von öffentlichen Bibliotheken. Deswegen sind wir nicht traurig, dass wir vom klassischen Bild weg gehen. Man muss die Veränderungen als Chance sehen und neugierig sein.

Miriam: Wir kennen es auch nicht anders. Wir sind eher die jüngere Generation, die damit ausgebildet worden ist, dass wir hier Veranstaltungen haben und hier schreiende Kinder rumlaufen. So etwas gab es früher gar nicht, Lärm wurde überhaupt nicht geduldet. Heute haben wir hier Spielekonsolen stehen, da hätten uns die alten Bibliothekare sicherlich einen Vogel gezeigt.

Steffi: Dass es in einer Bibliothek still sein muss, ist auch so ein Klischee. So ist das hier nicht, wir haben sogar Gaming-Veranstaltungen, da wird es auch mal lauter. Aber genau das wollen wir, es soll lebendig sein bei uns.

Ganz lieben Dank für eure Zeit, wir wünschen euch noch viel Erfolg mit und in der Stadtbücherei, und dass es immer sehr lebendig bleibt zwischen euren Büchern.